Value Strategie Guide

An der Börse gibt es zwei Arten von Menschen: Diejenigen, die auf bunte Geschichten und Hypes wetten, und diejenigen, die auf den Preis schauen. Wenn du hier bist, gehörst du zur zweiten Gruppe. Du suchst keine Lotterielose, sondern Sonderangebote.

Die Grundregel des Value Investings, geprägt von Benjamin Graham, ist so simpel wie brutal: „Preis ist das, was du bezahlst. Wert ist das, was du bekommst.“

In diesem Guide legen wir die rosarote Brille ab. Wir interessieren uns nicht für vage Zukunftsvisionen im Jahr 2040. Wir interessieren uns für nackte Fakten, Bilanzen und Assets, die der Markt heute ignoriert. Hier erfährst du, wie du den Unterschied zwischen einem echten Schnäppchen und einer „Value Trap“ erkennst und wie du dein Portfolio für 2026 aufstellst.

Value Strategie: Das Wichtigste in Kürze

Philosophie & Grundsatz

Value Investing nutzt die irrationalen Schwankungen des Marktes („Mr. Market“). Wir kaufen keine vagen Zukunftshoffnungen, sondern harte Substanz, die aktuell unterbewertet ist (Preis < Wert).

Zwei Wege zum Ziel

Entscheide dich für eine Route: Deep Value (Radikale Schnäppchenjagd nach Liquidationswert/Net-Nets) oder Defensive Value (Qualitätsfirmen in der Krise mit KGV/KBV-Filter).

Qualitätssicherung (Piotroski)

Billig allein reicht nicht. Der Piotroski F-Score (0-9 Punkte) ist dein wichtigster Filter, um finanzielle Stabilität zu prüfen und gefährliche „Value Traps“ (Pleitekandidaten) auszusortieren.

Markt-Chancen 2026

Aktuell finden sich die größten Unterbewertungen in ungeliebten, zyklischen Sektoren. Der Fokus liegt 2026 auf Automobil, Chemie und „Old Energy“ (Rohstoffe/Öl).

Kapital-Hürde

Für aktives Stock-Picking (Deep Value) benötigst du mindestens 15.000 € Startkapital, um die Gebühren bei 20–30 Positionen niedrig zu halten. Darunter sind Small-Cap-Value-ETFs mathematisch überlegen.

Eiserne Exit-Disziplin

Value Investing ist kein „Buy & Hold forever“. Du verkaufst strikt, wenn der faire Wert (Graham-Zahl) erreicht ist oder sich die Fundamentaldaten (Piotroski-Score) verschlechtern.

Was ist Value Investing?

Value Investing ist die disziplinierte Strategie, Wertpapiere nur dann zu kaufen, wenn ihr Marktpreis eine signifikante „Sicherheitsmarge“ (Margin of Safety) zum inneren Wert aufweist.

Die zentrale Erkenntnis dieser Strategie stammt von Benjamin Graham: „Preis ist das, was du bezahlst. Wert ist das, was du bekommst.“ An der Börse klaffen diese beiden Dinge oft weit auseinander, weil der Markt kurzfristig nicht rational, sondern emotional handelt. Man nennt das die Theorie des „manisch-depressiven Mr. Market“:

  • Gute Nachrichten (Gier): Der Markt übertreibt. Eine solide Firma wird plötzlich zum „Highflyer“ hochgejubelt. Die Aktie kostet 100 €, ist aber eigentlich nur 60 € wert.
    • Handlung: Value-Investoren verkaufen oder warten ab.
  • Schlechte Nachrichten (Panik): Der Markt sieht schwarz. Wegen eines Quartalsverlusts, eines Skandals oder einer allgemeinen Rezession werfen alle ihre Aktien auf den Markt. Die Aktie fällt auf 30 €, obwohl in der Firma noch Maschinen, Patente und Cash im Wert von 60 € liegen.
    • Handlung: Value-Investoren kaufen.

Wir suchen keine perfekten Unternehmen (die sind meistens teuer). Wir suchen solide Unternehmen mit lösbaren Problemen. Das können vergessene Weltmarktführer in langweiligen Branchen sein, Firmen in einem zyklischen Tief (z.B. Chemie oder Auto) oder Konzerne, die vom Markt für einen Fehler übermäßig hart abgestraft wurden. Deine Wette lautet immer: „Der Markt irrt sich. Die Angst ist größer als das tatsächliche Risiko.“

Welche Spielarten der Value Strategie gibt es?

Damit du dich nicht verläufst, gliedern wir das Feld in zwei historische Hauptströmungen: Den harten „Deep Value“ Ansatz und den qualitätsorientierten „Defensive Value“ Ansatz.

1. Die Ur-Formel: Deep Value nach Benjamin Graham

Benjamin Graham (Warren Buffetts Lehrer) war ein Mathematiker des Geldes. Er misstraute Analysten, die eine goldene Zukunft versprachen, denn niemand kann die Zukunft vorhersagen. Sein Ansatz war radikal nüchtern: Er bewertete Unternehmen nicht als Visionär, sondern als Liquidator.

Seine zentrale Frage war: „Wenn wir den Laden morgen zusperren, alle Schulden bezahlen und das Inventar verkaufen – bekomme ich dann mehr Geld heraus, als die Aktie an der Börse gerade kostet?“

Wenn die Antwort „Ja“ lautet, hast du eine Sicherheitsmarge. Du kaufst reale Substanz (Maschinen, Gebäude, Cash) mit Rabatt. Das schützt dein Kapital, selbst wenn das Unternehmen nicht wächst. Das ist kein Wetten auf Hoffnung, das ist der Kauf von Fakten.

A. Die Königsdisziplin: Net-Nets (Net Current Asset Value)

Das ist die härteste Form des Value Investings. Du suchst Unternehmen, die an der Börse weniger kosten als ihr kurzfristig verfügbarer Besitz nach Abzug aller Schulden.

Die Formel für den Screener:
Marktkapitalisierung<23×(Umlaufvermo¨genAlleVerbindlichkeiten)Marktkapitalisierung < \frac{2}{3} \times (Umlaufvermögen – Alle Verbindlichkeiten)

  • Umlaufvermögen (Current Assets): Bargeld, Lagerbestände, Forderungen (alles, was binnen 12 Monaten zu Geld gemacht werden kann).
  • Alle Verbindlichkeiten (Total Liabilities): Schulden bei Banken, Lieferanten, Pensionslasten etc.

Tipp: Achte auf die „Strict NCAV“-Variante. Ziehe auch Dinge ab, die nicht direkt als Schulden ins Auge springen, wie operative Leasing-Verträge oder Pensionsverpflichtungen. Nur so vermeidest du Überraschungen.

Die Logik: Du bekommst das Unternehmen geschenkt. Selbst wenn die Firma sofort geschlossen wird, die Maschinen verschrottet und die Gebäude verfallen, bleibt nach Rückzahlung aller Schulden Geld übrig, das höher ist als dein Kaufpreis. Das operative Geschäft gibt es „gratis“ dazu.

  • Wo findest du das heute? In den USA/Europa fast ausgestorben (außer in tiefen Crashs). Suche in Japan, Südkorea oder bei Micro-Caps (sehr kleine Firmen).
  • Risiko: Oft haben diese Firmen schlechtes Management (Kapitalvernichter). Deswegen: Breite Streuung (20–30 Titel).

B. Defensive Value (Die 7 Kriterien für den defensiven Investor)

Da Net-Nets selten sind, nutzen wir für etablierte Firmen (z.B. BASF, Volkswagen, Pfizer) den klassischen Graham-Check.

Die Bedingungen:

  1. Größe: Es muss ein etabliertes Unternehmen sein (kein Pennystock).
  2. Finanzielle Stärke: Umlaufvermögen > Kurzfristige Verbindlichkeiten (Liquidität 2:1).
  3. Dividenden-Stabilität: Zahlt seit mind. 20 Jahren Dividende ohne Unterbrechung.
  4. Keine Verluste: Gewinne in jedem der letzten 10 Jahre.
  5. Wachstum: Mindestens 33 % Gewinnwachstum über die letzten 10 Jahre (kumuliert). Berechnet anhand der Dreijahresdurchschnitte zu Beginn und Ende der Periode, um Ausreißer zu glätten.
  6. Günstige Bewertung I: KGV < 15.
  7. Günstige Bewertung II: KBV < 1,5.

Kombinierte Regel: KGV×KBV<22,5KGV \times KBV < 22,5

Das Werkzeug: Die Graham-Zahl

Dies ist deine konkrete Kaufmarke. Sie berechnet den maximalen Preis, den ein defensiver Investor zahlen darf.

GrahamZahl=22,5×GewinnjeAktie×BuchwertjeAktieGraham Zahl = \sqrt{22,5 \times Gewinn je Aktie \times Buchwert je Aktie}

  • Gewinn je Aktie (EPS): Nimm hier idealerweise den Durchschnitt der letzten 3 Jahre. Warum? Das glättet Ausreißer, falls die Firma gerade ein „Super-Jahr“ hatte, das sich nicht wiederholen lässt.

Praxis-Beispiel:

  • Aktie X steht bei 40,00 €.
  • Gewinn je Aktie (EPS) = 3,00 €
  • Buchwert je Aktie = 25,00 €
  • Rechnung: 22,5×3×25=1687,522,5 \times 3 \times 25 = 1687,5
  • Wurzel aus 1687,5 = 41,08 €

Ergebnis: Der faire Graham-Wert ist 41,08 €. Die Aktie kostet 40,00 €. Sie ist fair bewertet, aber kein extremes Schnäppchen. Ein Value-Investor würde hier noch eine „Sicherheitsmarge“ (Margin of Safety) von 20 % abziehen und erst bei ca. 32,80 € kaufen.

Wie filtere ich Schrott heraus? (Der Piotroski F-Score)

Günstig ist gut, „billig“ ist gefährlich. Eine Aktie kann günstig sein, weil sie pleitegeht. Das nennt man Value Trap. Joseph Piotroski entwickelte den F-Score (0–9 Punkte), um genau das zu verhindern. Er filtert finanzielle Stabilität heraus.

Anwendung: Du nimmst deine Liste an günstigen Aktien (aus dem Graham-Screening) und jagst sie durch diesen 9-Punkte-Check. Nur wer 7, 8 oder 9 Punkte hat, wird gekauft.

Der 9-Punkte-Plan (Datenquelle: Letzter Jahresbericht)

Block 1: Profitabilität (Geld verdienen vs. Geld verbrennen)

  1. ROA (Return on Assets) > 0: Hat die Firma im letzten Jahr überhaupt Gewinn gemacht? (1 Punkt)
  2. CFO (Operating Cashflow) > 0: Kam echtes Geld auf das Konto rein? (1 Punkt) Warum wichtig? Gewinne kann man buchhalterisch schönrechnen, Cashflow lügt selten.
  3. ROA Wachstum: Ist der ROA höher als im Vorjahr? (1 Punkt) Signal: Der Trend zeigt nach oben, die Krise könnte vorbei sein.
  4. Qualität der Gewinne (Accruals): Ist der Cashflow (CFO) höher als der Nettogewinn? (1 Punkt) Warnsignal: Wenn Gewinn > Cashflow, sind das oft nur „Papiergewinne“ (z.B. Lagerbestände höher bewertet). Wir wollen Cash.

Block 2: Finanzierung & Hebel (Risiko senken)

  1. Verschuldung (Leverage): Sind die langfristigen Schulden im Vergleich zum Vorjahr gesunken? (1 Punkt)
  2. Liquidität (Current Ratio): Ist das Verhältnis von Umlaufvermögen zu kurzfr. Schulden besser geworden? (1 Punkt)
  3. Verwässerung: Wurden keine neuen Aktien ausgegeben? (1 Punkt)

Block 3: Operative Effizienz (Hausaufgaben gemacht?)

  1. Bruttomarge (Gross Margin): Ist die Marge höher als im Vorjahr? (1 Punkt)
  2. Kapitalumschlag (Asset Turnover): Wird Umsatz effizienter generiert? (Umsatz / Gesamtvermögen gestiegen?) (1 Punkt)

Die Bewertung:

  • 0-3 Punkte: Finger weg! Hohes Insolvenzrisiko.
  • 4-6 Punkte: Durchschnitt. Beobachten.
  • 7-9 Punkte: Kaufkandidat. Hier ist die Wahrscheinlichkeit für einen Turnaround statistisch am höchsten.

Fortgeschrittenes Konzept: Der „Burggraben“

Zahlen schauen in die Vergangenheit, ein Burggraben sichert die Zukunft. Ein niedriger Preis (Graham) und eine stabile Bilanz (Piotroski) sind Pflicht, aber um eine Investition langfristig abzusichern, prüfen wir zusätzlich die Verteidigungsfähigkeit des Geschäftsmodells. Warren Buffett nennt dies den „Economic Moat“. Er verhindert, dass Konkurrenten die Margen auffressen.

Achte bei deiner Analyse (nach dem Piotroski-Check) auf eines dieser vier Signale:

  1. Immaterielle Assets: Besitzt die Firma Marken, Lizenzen oder Patente, für die Kunden freiwillig mehr zahlen? (Beispiel: Pharma-Patente oder starke Konsummarken).
  2. Wechselkosten: Ist es für den Kunden zu teuer oder zu mühsam, zur Konkurrenz zu gehen? (Beispiel: Software-Ökosysteme in Unternehmen oder B2B-Standardlösungen).
  3. Netzwerkeffekte: Wird das Produkt wertvoller, je mehr Leute es nutzen? (Beispiel: Handelsplattformen, Visa/Mastercard).
  4. Kostenvorteil: Kann die Firma dauerhaft günstiger produzieren als alle anderen? (Beispiel: Durch massive Skaleneffekte oder exklusiven Zugang zu günstigen Rohstoffen).

Merke für deine Strategie: Ein Burggraben ohne günstigen Preis ist „Quality Investing“. Ein günstiger Preis ohne Burggraben ist klassisches „Deep Value“. Findest du beides zusammen, hast du den „Sweet Spot“ des Value Investings getroffen.

Mit welchen Aktien lässt sich eine Value Strategie umsetzen?

Im Jahr 2026 finden wir Value-Chancen vor allem in Sektoren, die vom Markt aufgrund makroökonomischer Ängste oder Strukturwandel „links liegen gelassen“ wurden. Basierend auf den oben genannten Kriterien (KGV < 15, KBV < 1,5, hohe Dividende) fallen folgende Bereiche in das Raster des Defensive Value:

1. Automobilsektor (Europa & USA)

Die Angst vor der E-Mobilitäts-Disruption und chinesischer Konkurrenz hat die Kurse massiv gedrückt. Viele Hersteller handeln unter ihrem Buchwert.

  • These: Der Markt preist den Untergang ein, ignoriert aber die massiven Cashflows und Substanzwerte der Werke und Marken.
  • Kandidaten-Profil: Etablierte Hersteller mit KGV < 5 und Piotroski-Score > 6.

2. Chemieindustrie (Zyklischer Turnaround)

Chemie ist das klassische Beispiel für „Zyklik“. Nach Phasen hoher Energiepreise und Nachfrageschwäche handeln Weltmarktführer oft zu Ausverkaufspreisen.

  • These: „Mean Reversion“. Die Margen werden sich historisch wieder dem Mittelwert annähern.
  • Kandidaten-Profil: Firmen wie BASF oder Lanxess, sofern die Bilanz (Verschuldung) stabil ist.

3. „Old Energy“ & Rohstoffe

Während Kapital in KI und Tech fließt, werden Öl-, Gas- und Bergbaukonzerne oft vernachlässigt, obwohl sie „Cash Cows“ sind.

  • These: Die Transformation dauert länger als gedacht; diese Firmen finanzieren den Wandel durch hohe Gewinne.

Wichtig: Dies sind keine Kaufempfehlungen, sondern Ergebnisse, die ein Value-Screener Anfang 2026 typischerweise auswirft. Jede Aktie muss zwingend den Piotroski-Check durchlaufen!

Mit welchen ETFs kann ich eine Value Strategie umsetzen?

Wer die manuelle Bilanzanalyse scheut (oder keine Zeit hat), kann die Strategie über „Factor Investing“ systematisieren. Hierbei filtern Algorithmen den Aktienmarkt mechanisch nach Value-Kriterien.

1. Small Cap Value (Der wissenschaftliche Favorit)

Laut Fama-French-Modell bietet die Kombination aus „kleinen Firmen“ (Size) und „günstiger Bewertung“ (Value) historisch die höchste Renditeerwartung.

  • Warum: Du profitierst von der Ineffizienz im Small-Cap-Markt (ähnlich dem Net-Net Ansatz), aber mit der Sicherheit hunderter Titel.
  • ETF-Beispiele: SPDR MSCI USA Small Cap Value Weighted oder SPDR MSCI Europe Small Cap Value Weighted. (Achte auf das Kürzel „ZPRV“ oder „ZPRX“).

2. MSCI World Value

Der Klassiker für Defensive Value. Er filtert aus den großen Industrieländern die günstigsten Aktien heraus.

  • Warum: Fokus auf Large Caps, hohe Dividendenrendite, geringere Schwankung als der Gesamtmarkt.
  • Nachteil: Enthält oft weniger „echten“ Value, sondern einfach nur langsam wachsende Branchenriesen.

3. Multi-Factor ETFs

Diese kombinieren Value oft mit „Quality“ (ähnlich unserem Piotroski-Score).

  • Warum: Sie versuchen, „Value Traps“ automatisch auszuschließen, indem sie auch auf Profitabilität achten.

Zusammenfassung & Konkrete Umsetzung (Schritt-für-Schritt)

Jetzt wird es ernst. Bevor du den Screener startest, musst du dich für eine Route entscheiden. Ein „Mischmasch“ aus beiden Welten führt oft zu Portfolios, die weder Fleisch noch Fisch sind.

Entscheidung: Welcher Value-Typ bist du?

  • Route A: Deep Value (Das „Trüffelschwein“): Du suchst bei kleinen, unbekannten Firmen nach Substanz, die der Markt übersehen hat. Hohes Risiko, hohe Chance.
  • Route B: Defensive Value (Der „Turnaround-Jäger“): Du suchst bekannte Großkonzerne (z.B. VW, Bayer, BASF), die gerade in der Krise stecken, aber zu groß zum Scheitern sind.

Schritt 1: Der Screener (Wähle deine Route)

Nutze Tools wie Aktien.guide, Tikr, TradingView oder Marketscreener.

KriteriumScreener A: Deep Value / Net-NetsScreener B: Defensive Value / Turnaround
FokusAssets & IneffizienzErtragskraft & Rückkehr zum Mittelwert
Marktkapitalisierung< 500 Mio. € (Hier schauen keine Fonds hin)> 2 Mrd. € (Etablierte Marktführer)
BewertungKBV < 0,8 oder Net-Net (Preis < NCAV)KGV < 15 und KBV < 1,5
Finanzielle StärkeEigenkapitalquote > 50 %Dividendenrendite > 3 %
Diversifikation20–30 Titel (Korb-Ansatz)15–20 Titel reichen

Schritt 2: Der Qualitäts-Check (Piotroski F-Score)

Jetzt jagst du deine Kandidaten durch den Piotroski-Check (siehe oben). Je nach Strategie legen wir die Latte unterschiedlich hoch:

  • Bei Deep Value (Route A): Score > 5 Punkte
    • Warum? Die Firma muss nicht perfekt sein, sie darf nur nicht sterben. Solange sie überlebt, wird der Markt den Wert der Assets irgendwann heben.
  • Bei Defensive Value (Route B): Score > 7 Punkte
    • Warum? Wir wollen keine „Value Traps“ (Dauer-Verlierer). Wir wollen exzellente Unternehmen, die nur temporär straucheln. Ein niedriger Score bei einem Riesenkonzern deutet oft auf tiefe strukturelle Probleme hin -> Finger weg!

Schritt 3: Der „Warum“-Check (Manuell)

Lies die letzten Nachrichten zu den verbliebenen Kandidaten.

  • Struktureller Wandel? (Beispiel: Zeitungsverlage vs. Internet). -> Nicht kaufen. Die Branche stirbt.
  • Temporäres Problem? (Beispiel: Einmalige Strafzahlung, Zyklisches Tief bei Chemie/Auto, Lieferketten-Probleme). -> Kaufen. Das geht vorbei.

Schritt 4: Exit-Strategie (Wann verkaufen?)

Value Investing ist kein „Buy & Hold forever“. Sobald der Markt den Fehler korrigiert hat, musst du gehen.

  1. Regel 1: Verkauf, wenn der faire Wert (Graham-Zahl) erreicht ist.
  2. Regel 2 (Zeit): Verkauf nach 2 bis 3 Jahren, wenn die Aktie sich nicht bewegt hat (dann war deine Analyse vermutlich falsch oder der Markt ignoriert den Wert dauerhaft).
  3. Regel 3: Verkauf sofort, wenn der Piotroski-Score unter 4 fällt (die Firma verschlechtert sich dramatisch).

Praxis-Deep-Dive: Hürden und Feinheiten in der Umsetzung

Theorie ist geduldig, die Praxis kostet Geld. Sobald du deine Strategie gewählt hast (Deep Value oder Defensive Value), wirst du auf konkrete Hindernisse stoßen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Wir klären die Fragen zum Startkapital, dem richtigen Umgang mit Kursverlusten und branchenspezifischen Besonderheiten.

Das nötige Startkapital: Warum Kleinvieh auch Mist macht (aber Gebühren frisst)

Eine der häufigsten Fragen ist die nach dem Eintrittspreis. Hier regiert die Mathematik der Transaktionskosten. Wenn du die ETF-Route wählst, ist die Hürde niedrig. Sparpläne funktionieren bereits ab kleinen monatlichen Summen effizient. Beim aktiven Stock-Picking (Deep Value) sieht die Rechnung anders aus. Da diese Strategie statistisch auf der „Masse“ beruht, ist ein Portfolio aus 20 bis 30 Einzelaktien zwingend erforderlich, um Ausfälle („Rohrkrepierer“) abzufedern.

Kaufst du Positionen zu je 100 €, fressen die Ordergebühren (oft 5 € oder mehr) sofort 5 % deiner Rendite auf. Das ist kaufmännischer Selbstmord. Die Faustformel: Eine Einzelposition sollte mindestens 500 € bis 1.000 € groß sein, damit die Kaufnebenkosten unter 1 % bleiben. Das bedeutet, für ein seriöses, breit gestreutes Deep-Value-Depot benötigst du ein Startkapital von 15.000 € bis 20.000 €. Liegst du darunter, ist der Small-Cap-Value-ETF die mathematisch überlegene Wahl.

Psychologie: Nachkaufen oder Reißleine ziehen?

Fällt eine Value-Aktie, die du bei 40 € als günstig analysiert hast, auf 20 €, juckt es jeden Investor in den Fingern, den Einstandskurs zu verbilligen. Vorsicht! Das blinde „Verbilligen“ ist der schnellste Weg in den Ruin. Du musst unterscheiden: Hat der Markt Panik (Chance) oder ist das Geschäftsmodell implodiert (Falle)? Nutze hierfür strikt den Piotroski F-Score. Bevor du auch nur einen Cent nachschießt, prüfst du die aktuellen Quartalszahlen. Ist der Score stabil geblieben oder gestiegen? Dann darfst du nachkaufen. Ist der Score gefallen (z.B. sinkende Margen, steigende Verschuldung)? Dann ist die Aktie nicht „billiger“ geworden, sondern schlechter. In diesem Fall realisierst du den Verlust und schützt dein Restkapital.

Der Blick hinter die Zahlen: Management-Integrität

Zahlen lügen nicht, aber sie erzählen nicht alles. Ein Blick in den Geschäftsbericht – speziell in den „Brief an die Aktionäre“ – ist Pflicht. Wir suchen hier keine Visionäre, sondern Realisten. Achte auf die Tonalität: Ein Management, das sich für Marktwachstum feiert, aber bei Verlusten ausschließlich externe Faktoren (Wetter, Währung, Konjunktur) verantwortlich macht, ist ein Warnsignal. Wir suchen Manager, die schreiben: „Wir haben im Bereich X Fehler gemacht, das hat uns Y Millionen gekostet, und so stellen wir das ab.“ Diese Ehrlichkeit ist oft ein besserer Indikator für einen Turnaround als jede Excel-Tabelle.

Value in der Tech-Branche und die Rolle der Dividende

Oft wird gefragt, ob Value Investing auch bei Technologie-Aktien funktioniert. Die Antwort ist ein eingeschränktes „Ja“. Die meisten Software-Titel sind für Value-Investoren unkaufbar, da in ihren Kursen (KGV > 30) bereits massive Zukunftsgewinne eingepreist sind. Wir zahlen nicht für Hoffnung. Die Ausnahme bildet die Hardware- und Halbleiter-Branche. Speicherchips und Hardware unterliegen dem klassischen „Schweinezyklus“. In Phasen des Überangebots brechen hier die Preise ein und Giganten wie Samsung oder Micron handeln plötzlich unter Buchwert. Hier greift die Value-Logik.

Abschließend zur Dividende: Sie spielt je nach Strategie eine unterschiedliche Rolle. Bei Deep-Value (Net-Nets) ist sie irrelevant; hier zählt nur die Differenz zwischen Preis und Liquidationswert. Bei der Defensive-Value-Strategie hingegen ist die Dividende essenziell. Da es Jahre dauern kann, bis der Markt den wahren Wert eines soliden Konzerns wiedererkennt, dient eine Dividendenrendite von 3 % oder 4 % als „Warteprämie“ (oder Schmerzensgeld). Sie sorgt dafür, dass dein Kapital auch in der Phase der Stagnation für dich arbeitet.

Fazit: Der Strategie-Steckbrief

KriteriumBeschreibung
ProfilAntizyklisch. Fokus auf unterbewertete Substanz und Turnaround-Kandidaten.
Empfohlene Anzahl20 – 30 Aktien. (Breite Streuung nötig, um Ausfälle durch „Value Traps“ zu kompensieren).
ZeitaufwandHoch. Du musst Screener bedienen, Geschäftsberichte lesen und Bilanzen bereinigen.
Haupt-RisikoValue Trap. Die Aktie ist billig, weil das Geschäftsmodell dauerhaft kaputt ist (Insolvenzgefahr).
MindsetHohe Frustrationstoleranz. Du kaufst Aktien, die andere hassen, und musst gegen den Strom schwimmen.

Dein nächster Schritt:

Öffne einen Screener deiner Wahl. Stelle den Filter auf KBV < 1 und Piotroski F-Score >= 7. Analysiere die obersten 5 Treffer. Findest du den Grund für den günstigen Preis?

Häufig gestellte Fragen zur Value Strategie

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Disclaimer: Alle Inhalte dienen nur der Information und Bildung. Sie stellen keine Anlageberatung dar. Investitionen an der Börse sind mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Krypto-Assets sind hochvolatil. Du handelst auf eigene Verantwortung.